{"id":895,"date":"2017-02-09T10:39:43","date_gmt":"2017-02-09T09:39:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.megamaschine.org\/nl2\/?p=895"},"modified":"2017-06-07T11:56:57","modified_gmt":"2017-06-07T09:56:57","slug":"der-stoff-aus-dem-die-traeume-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.megamaschine.org\/nl2\/blog\/2017\/02\/09\/der-stoff-aus-dem-die-traeume-sind\/","title":{"rendered":"Der Stoff, aus dem die Tr\u00e4ume sind"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich tr\u00e4ume, tr\u00e4ume ich nicht von Wirtschaft. Ich tr\u00e4ume von R\u00e4umen und Landschaften, von Ger\u00e4uschen, von Menschen mit ihren oft seltsamen Beziehungen und Geschichten. Aus der Traumforschung ist bekannt, dass man im Traum nicht rechnen kann, jedenfalls nicht \u00fcber das Niveau einer ersten Grundschulklasse hinaus. Das deckt sich mit meinem Selbstbeobachtungen. Im Traum ist der <em>berechnende<\/em> Mensch abwesend. Wir k\u00f6nnen uns im Traum nicht vornehmen, einen Konkurrenten durch eine Reihe von Schachz\u00fcgen auszubooten, um ihn zu \u00fcberrunden und irgendwo mehr Punkte zu sammeln. Wir k\u00f6nnen im Traum nicht Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht oder Monopoly spielen. Ich glaube, dass ich noch nie von Geld getr\u00e4umt habe \u2013 h\u00f6chstens, dass ich im Portemonnaie vergeblich nach einer M\u00fcnze kramte. Unser Unbewusstes ist zur Berechnung weitgehend unf\u00e4hig. Die tiefsten Schichten unserer Existenz und unseres Verh\u00e4ltnisses zur Welt sind nicht \u00f6konomischer Art. Das beginnt schon, wenn wir auf die Welt kommen. Das Verh\u00e4ltnis eines Babys zu seiner Mutter ist kein \u00f6konomisches. Da wird nichts getauscht und nichts gerechnet. The best things in life are free: Liebe, Freundschaft, echte Kreativit\u00e4t, Sch\u00f6nheit. Wouter van Dieren, Autor des Berichtes an den Club of Rome \u201eMit der Natur rechnen\u201c, schrieb einmal, dass das Bruttoinlandsprodukt im Himmel gleich Null sein m\u00fcsste, in der H\u00f6lle dagegen gigantisch.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrhunderte ist uns eingeredet worden, der Kern des Menschen sei das unstillbare Verlangen, seinen Vorteil gegen\u00fcber anderen zu mehren. Wir wissen l\u00e4ngst aus der vergleichenden Anthropologie, dass diese Erz\u00e4hlung ein Mythos ist, erfunden von europ\u00e4ischen M\u00e4nnern, die in ihrem eigenen Leben kaum etwas anderes kennengelernt haben. Menschen sind f\u00fcr Kooperation geschaffene Wesen. Sie suchen manchmal den eigenen Vorteil, oft aber auch ganz andere Dinge.<\/p>\n<p>Nun wird man sagen, dass ein Mensch, um zu tr\u00e4umen, um Freundschaft, Liebe, Kreativit\u00e4t und Sch\u00f6nheit erfahren zu k\u00f6nnen, auch etwas essen muss, ein Dach \u00fcber dem Kopf haben muss und vieles mehr. In der Tat. Aber muss er, um das bereit zu stellen, zu einem berechnenden Wesen werden? Um einen Dachstuhl oder ein Schiff zu bauen, ist zweifellos so etwas wie berechnende Planung n\u00f6tig. Das ist eine wichtige F\u00e4higkeit unseres Geistes. Aber das bedeutet keineswegs, dass die <em>Beziehungen<\/em> der Menschen, die das tun, auf Berechnung, auf individueller Vorteilsmaximierung beruhen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es ist das gro\u00dfe Verdienst von Karl Marx, erkannt zu haben, dass Geld keine Sache ist sondern ein Symbol f\u00fcr menschliche Beziehungen. Wenn ich eine Kiwi kaufe, trete ich mit anderen Menschen in Beziehung. Irgendjemand hat sie irgendwo angepflanzt und geerntet, jemand anders verpackt und transportiert. Diese Menschen haben f\u00fcr mich etwas Wichtiges getan, auch wenn ich sie niemals zu Gesicht bekomme. Das Geld verdeckt unsere Beziehung. Es suggeriert, dass ich eine Sache, die Kiwi, gegen eine andere Sache, das Geld, tausche. Die Menschen, mit denen ich eigentlich in Beziehung trete, bleiben dabei unsichtbar. Und das macht einen betr\u00e4chtlichen Teil der Armut unseres Lebens aus. Die Leere, die der Fetisch des Geldes hinterl\u00e4sst, weil er unsere Beziehungen zu anderen Menschen verdunkelt, l\u00e4sst sich auch mit noch so vielen Dingen nicht f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Eine den Menschen angemessene, eine menschenfreundliche, eine gerechte \u00d6konomie muss daher zuerst einmal die Beziehungen, die das Geld verdeckt, sichtbar machen. Selbst der einsamste Mensch wird seine Welt rasch bev\u00f6lkert sehen, wenn er sich fragt, wer denn den Stuhl, auf dem er sitzt, und den Kaffee, den er gerade trinkt, hergestellt hat. Wenn die Menschen aus dem Nebel, den das Geld schuf, pl\u00f6tzlich hervortreten, wird er sich vielleicht auch fragen, ob dies eine freundliche oder feindliche Begegnung sein wird. Das aber h\u00e4ngt nicht zuletzt davon ab, was die Menschen erdulden und erleiden mussten, um f\u00fcr ihn Stuhl und Kaffee herzustellen. Hat er sich daran beteiligt, den Preis f\u00fcr ihre Arbeit mit allen Mitteln zu dr\u00fccken? Was hat er selbst gegeben? Und sind hier Dritte im Spiel, die beide Seiten gleicherma\u00dfen ausgebeutet und ihre Beziehungen verdunkelt haben?<\/p>\n<p>An diesem Punkt k\u00f6nnen sich beide gemeinsam fragen, wie sie diese unsichtbaren Dritten aus ihrer Beziehung bekommen. Wie sie aufh\u00f6ren k\u00f6nnen, gegeneinander um Geld zu konkurrieren, um stattdessen miteinander zu kooperieren. Das scheinen heute vermessene, unrealistische, utopische Fragen zu sein. Gibt es denn etwas anderes als fremdbestimmte Lohnarbeit? Ist nicht jeder ein <em>Tr\u00e4umer<\/em>, der etwas anderes will? Die Frage l\u00e4uft letztlich darauf hinaus, ob wir in der Lage sind, unsere Lebens- und T\u00e4tigkeitsverh\u00e4ltnisse gemeinsam selbstbestimmt zu gestalten. Oder ob wir die Gnade der Arbeit aus den H\u00e4nden einer mysteri\u00f6sen, gottgleichen Institution namens Markt von oben empfangen wollen \u2013\u00a0und von oben auch wieder entzogen bekommen. Es f\u00e4llt uns selten auf, wie absurd und infantil die Idee ist, dass irgendjemand uns Arbeit gibt. Sind wir nicht mit H\u00e4nden und Verstand gesegnet, um selbst etwas zu tun? Ist uns nicht die Gabe der Sprache verliehen, damit wir uns miteinander verst\u00e4ndigen und Gemeinsames schaffen k\u00f6nnen? In den 200.000 Jahren, die Homo sapiens auf der Welt ist, haben Menschen den \u00fcberw\u00e4ltigenden Teil der Zeit genau das getan. Die antiken Marktwirtschaften und der moderne Kapitalismus sind dagegen nichts als kurze Zwischenspiele, auf die wir einst \u2013 wenn wir den Kapitalismus \u00fcberleben \u2013\u00a0kopfsch\u00fcttelnd zur\u00fcckblicken werden.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist erstmals in der Zeitschrift <a href=\"https:\/\/oxiblog.de\/stoff-aus-dem-traueme-sind\/\" target=\"_blank\">OXI<\/a> (Ausgabe Februar 2017) erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Juni 2017 erschien er au\u00dferdem in der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/brennstoff.com\/artikel\/der-stoff-aus-dem-die-traeume-sind\/\" target=\"_blank\">Brennstoff<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Fabian Scheidler ist Mitbegr\u00fcnder von <a href=\"http:\/\/www.kontext-tv.de\/\" target=\"_blank\">Kontext TV<\/a> und Autor des Buches &#8222;Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation&#8220; (<a href=\"https:\/\/www.megamaschine.org\/nl2\" target=\"_blank\" data-cke-saved-href=\"https:\/\/www.megamaschine.org\/nl2\">www.megamaschine.org<\/a>).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich tr\u00e4ume, tr\u00e4ume ich nicht von Wirtschaft. Ich tr\u00e4ume von R\u00e4umen und Landschaften, von Ger\u00e4uschen, von Menschen mit ihren oft seltsamen Beziehungen und Geschichten. Aus der Traumforschung ist bekannt, dass man im Traum nicht rechnen kann, jedenfalls nicht \u00fcber das Niveau einer ersten Grundschulklasse hinaus. Das deckt sich mit meinem Selbstbeobachtungen. Im Traum ist der berechnende Mensch abwesend. 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